Montag, 31. Januar 2011

Rös-chen

"Weißt Du, was ich neulich gefunden habe!?" fragt sie mit leuchtenden Augen. "Alte Briefe von Dir!" Sie eilt hastig hinaus und kommt mit einem Stapel Umschlägen zurück. "Das ist sooo lustig!" Bereits der Anblick des Papiers und meine Schrift, die damals schon wie heute recht schnörkelig und schlecht lesbar war, erweckt längst verdrängte Szenen aus meiner Pubertät zum Leben und ich muss jetzt schon schmunzeln. Wir waren schon damals die dicksten Freundinnen und heute, knapp zwanzig Jahre später, ist sie immer noch meine engste Vertraute, Seelenverwandte, der einzige Mensch auf der Welt, der alles von mir weiß. Wir sind zusammen erwachsen geworden und obwohl unsere Charaktere grundverschieden sind, verstehen wir uns blind. Sie fängt an zu lesen und wir lachen und albern herum. Sprechen über die Erlebnisse von damals, schwelgen in Erinnerungen und stellen fest, dass wir irgendwie anders sind. Obwohl wir jetzt zwei Frauen Mitte der Dreißiger sind, haben wir noch die gleichen Probleme wie damals. Bei uns geht es nicht ums Windeln wechseln oder welche Zensuren unsere nicht vorhandenen Kinder mit nach Hause bringen, sondern nach wie vor darum, dass eine von uns sich verliebt hat... ob er anruft oder nicht... falls nicht, warum nicht und so weiter. Um Liebeleien, kindliche Ängste und Albernheiten. Vielleicht ist es das, was uns zusammen hält. Dass wir Beide im Grunde unserer Herzen Teenager geblieben sind. Oder es ist genau umgekehrt. Dass wir Teenager geblieben sind, weil wir einander haben und uns vehement dagegen wehren, erwachsen zu werden. Was auch immer es ist... Solange es sie gibt, werde ich niemals alleine sein. Und die Vorstellung, dass wir als alte Omis nebeneinander auf unseren Schaukelstühlen sitzen, unseren Prosecco auf Eis schlürfen und über alte Geschichten plaudern und lachen werden, macht mich froh und glücklich, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und lässt mich so manche schwierige Situation gelassener überstehen.

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